Lebensbedingungen in Rohrhof (17. bis 20. Jh.)

Wandel in Rohrhof

Die folgenden Landkarten zeigen die territorialen Veränderungen am Rhein und der Besitzverhältnisse in den vergangenen Jahrhunderten.

Einen eindrucksvollen und lebhaften Bericht über die Veränderungen der Lebensbedingungen der Menschen in Rohrhof und Brühl gibt der folgende Bericht aus der Festschrift zur 850 Jahrfeier von Brühl im Jahr 1957:

(Zugegeben, dieser Bericht ist lang – aber auch gut!  – Das Lesen lohnt sich für den Interessierten)

Mit dem 16., dem Jahrhundert der Reformation, gingen Feudalismus und Lehenswesen ihrem Ende zu. Auch das mittelalterliche Rittertum erfuhr eine Wandlung. Aus geharnischten Rittern wurden in dem sich entwickelnden Beamtenstaat Hofleute und Höflinge. Als dunkle, drohende Wolke schob sich der Zwist zwischen den Konfessionen in das neue Jahrhundert. Auch die alten Akten Brühls wissen von Zwistigkeiten unter Calvinisten und Katholiken zu erzählen. Diese Händel hatten insofern einen politischen Beigeschmack, als der Kurfürst sich ihrer als Mittel bediente auch in kirchlichen Dingen seinen Anspruch auf alleinige Landeshoheit durchzusetzen. Der Tod des letzten Lehensherrn aus dem Geschlecht der Handschuhsheimer Grafen hatte Brühl seines Dorfherren beraubt.

Dem Hochstift, in dessen Besitz bereits 3/4 des Dorfes sich befanden, war das ein willkommener Anlaß, sich von der ganzen Brühler Bevölkerung huldigen zu lassen und damit Kurpfalz vor eine vollendete Tatsache zu stellen. Aber prompt erschien auch der Heidelberger Landschreiber auf dem Plan und forderte auf Grund einer aus dem Jahre 1423 stammenden Urkunde, wonach Kurpfalz ein Viertel des 0rtes käuflich von Hans von Heimstatt erworben habe, ebenfalls den Untertaneneid. Unter Anwendung „sanften“ Zwanges erreichte er seine Absicht auch. Die Huldigungen waren ein Teil der aus alter Zeit überkommenen Weistümer. 1225 ging die Gaugrafenschaft des Lobdengaues von Bistum Worms auf die Pfalzgrafen bey Rhein über. Die ersten Inhaber des Grafenamtes in Robrhof und sicher auch von Brühl waren die von Helmstatt. Sie gaben das Amt weiter an die Grafen von Neckarau, von denen es dann der Graf von Saarbrücken übernahm. Kurpfalz besaß die Hohe Gerichtsbarkeit, das Leibrecht und Geleitrechte, sowie den Wildpann. Es wachte eifrig über diese Privilegien, deren Ausbau es mit nicht immer friedlichen Mitteln betrieb. Seinen Ansprüchen in Brühl stand der Umstand entgegen; daß 3/4 des Ortes dem Speyerer Bistum unterstanden und demgemäß von diesem auch Gerechtsame beansprucht wurden. Beiden, dem Bischof wie dem Kurfürsten war die Einsetzung des Schultheißen überlassen. Von 1606 bis 1616 stand Balthasar Schirmer an der Spitze der Gemeinde Brühl, ihm war als Vertreter der Rechte der Bürger ein Anwalt beigegeben.

Die Gemeinde Brühl hatte als erste im Bezirk diese Einrichtung geschaffen. Der Schultheiß versah die niedere Gerichtsbarkeit, das Dorfgericht. Die Blutgerichtsbarkeit, das Malefiz oder Halsgericht im Zehntrecht war Sache des Landesherren. Für Brühl war die Kirchheimer Zehnt zuständig. Die Verteilung der Gefälle von wenigen Ausnahmen abgesehen, geschah im Verhältnis von 3 für Speyer und 1 für Heidelberg. Beim großen, dem Wein- und Getreidezehnten erhielt das Hochstift den Ertrag aus dem Privateigentum. Die kurfürstliche Kammer mußte sich mit den Einkünften aus Neugründungen begnügen.

Geistlichkeit sowie Besitzer und Pächter von ritterschaftlichen Gütern waren vom großen Zehnt frei.

Solche Güter waren:

1. Das Herrengut mit 69 Morgen Ackern und 13 Morgen Wiesen

2. Das freiherrlich Cronbergische Gut, dem Domkapitel gehörig mit 214 % Morgen Ackern und 83 % Morgen Wiesen

3. Das kirchliche Heiligengut mit 24 Morgen 2/4 Boden

4. und 5. Restliches Grundeigentum der Herren von Heimstatt und von Ullner, welche es verstanden

hatten, sich Zehntfreiheit zu bewahren.

In den kleinen Zehnten aus Gemüse, Öl und Faserpflanzen herrührend, wie auch in den auf Nutzvieh ruhenden Blutzehnten, teilten sich die Herrschaft und Kirche hälftig. Die Schatzung, die Notbede eine 5 %ige Grund- und Gewerbesteuer lag in der Hauptsache auf den Schultern des kleinen Mannes. Der Boden war in Form von Herdrecht und Kappenzinsen pflichtig. Auf Wein und derartigem lag das Ungeld oder der von Schild, Kranz und Gassenwirten zu entrichtende Weinschank. Der Leibeigene, ob er nun mit kleinen Vorrechten bedachter, alteingesessener Weiß- oder Königsmann war oder zugewanderter Wildfang (Hintersaße), hatte einen Leibzins zu bezahlen. Selbst auf den toten Leibeigenen lag noch eine Abgabe, das Besthaus oder Wadmalin in Höhe von 3-4 Kreuzern. So ganz ohne Widerspruch haben die Brühler Leute nicht alles hingenommen. Als ihnen zu Gunsten der Ausstattung von Prinzessinnen eine Fräuleinssteuer auferlegt wurde, beschwerten sie sich beim Bischof. Man ließ diese teuer fallen, verdoppelte aber dafür die Schatzung. Bis zur Verarmung  drückend lasteten Abgaben und Verpflichtungen für militärische Zwecke auf den geplagten Menschen. In jener Zeit der Söldnerheere hatte der Untertan für deren Unterhalt mit aufzukommen, er mußte zur Erhaltung von Befestigungen mit Fron und Geld beitragen und seufzte unter den ständigen Einquartierungen aller möglichen Völker. Eine Mannheimer Bausteuer wurde vonn 1614-1617 erhoben und die aus der Zeit der Türkenkriege stammende Türkensteuer, der gemeine Pfennig, blieb dauernde Einrichtung. Schlimmeres aber zeichnete sich am politischen Horizont ab, als  Balthasar Schirmers Sohn Georg, auf dem Rugtag in Lußheim 1617 gewählt, Schultheiß in Brühl wurde. Ihm stand die schwierige Aufgabe bevor, sein kleines Gemeindewesen in den fürchterlichen Jahren zu führen, da der 30-jährige Krieg über Fluren und Heimstätten dahinraste. Die Söldnerscharen, Ligisten wie Unionisten, 1621 die Mannsfeldischen, 1622 diejenigen des kaiserlichen Feldherren Tilly, lösten sich mit Brennen und Plündern und anderen Schandtaten ab, deren Spuren auch inBrühl zurückblieben. Wenig nur ist uns davon überliefert. Bevor wir uns jedoch mit dem wenigen beschäftigen, müssen wir in der Chronik um ein paar Jahrhunderte zurückblättern, zu dem denkwürdigen Jahr 1152, als aus dem Weyler Rohrheim ein Klosterhof wurde. Dieser Handel wurde bestimmt nicht abgeschlossen ohne Nachhilfe der 3 Brüder aus dem Hennebergischen Haus, Boppo, dem Lehnsherren von Brühl-Rohrheim, Konrad dem Abt des Klosters Schönau und Gunther, Speyers Bischof, welcher kurz hernach ein Viertel von Brühl bischöflich machte. Es ist jedenfalls geschichtliche Tatsache, daß eines Tages im Jahre 1152 die grauen Brüder von Schönau in Rohrheim erschienen und damit begannen, die ganze Gemarkung mit Mauern nach außen abzugrenzen. Die Gehöfte wurden nach und nach niedergelegt. Sie mußten stattlichen Klostergebäuden weichen. Diese Prozedur zog sich jahrzehntelang hin, denn noch 1204 ist von Einzelhöfen in Rohrheim, dem Hoff, die Rede. Wohl wurden die bisherigen Besitzer in irgend einer Form, sicher nicht allzu reichlich, abgefunden, das änderte jedoch nichts daran, daß sie sehen mußten, wo sie unterkommen konnten. Nichts lag näher, als daß sie im Nachbarort Brühl Unterschlupf suchten, zumal die im Henneberger Besitz befindlichen Wiesen in Rohrheim als sogenannte geteilte Wiesen bei der Übernahme durch das Kloster an Brühl gefallen waren. Die Mönche wandelten Rohrheim in einen landwirtschaftlichen Großbetrieb, eine Grangia, wie eine Urkunde aus dem Jahre 1204 es nennt, um. Abt und Convent von Schönau  bemühten sich eifrig um Vergrößerung und Abrundung des ihnen geschenkten Besitzes. Sie brachten ritterschaftliche Grundstücke, z. T. auf Schwetzinger Gemarkung in ihre Hand, welche sie mit dem beim Kloster verbliebenen Stück der geteilten Wiesen zum Schönauer Mönchgut vereinigten. Jedoch der Ertrag des Gutes dessen Boden überwiegend sandig war, und dessen Wiesen wochenlang unter dem Wasser des aus seinen Ufern getretenen Rheins standen, enttäuschte die Erwartung der neuen Herren gewaltig. Das war der Grund, welcher sie schon, sehr früh dazu veranlaßte, die  Selbstbewirtschaftung aufzugeben und die Bebauung des Hofes Pächtern zu überlassen. Wir haben gehört, daß 1405 der Erzbischof Johannes von Riga den Rohrhof käuflich auf 8 Jahre übernommen hatte. Jede weitere Nachricht von ihm fehlt. In demselben Jahre 1405 wird als Zeitbeständer ein Hans Worns aufgeführt. Aus dem Jahre 1445 bekamen wir eine Eingabe des Wendel Schmitt aus Schwetzingen zu lesen, in welcher er, da er sein letztes Stündlein herannahen fühlt, versucht das Recht auf Bebauung der Schneckenwiesen seinen Nachkommen zu erhalten. Er begründete sein moralisches Recht damit, daß bereits seine Vorfahren Erbbeständer des Gutes gewesen und die Familie den Hofe nahe an hundert Jahre bewirtschaftet habe. Man sieht, wie schwer es ist, in dem Durcheinander der Eigentumsverhältnisse jener Zeit sich zurecht zu finden. Da nach der Reformation die Klöster aufgehoben worden waren, ging Schmitts Zuschrift, welche ohne Erfolg geblieben zu sein scheint, an die geistliche Administration in Heidelberg. 1557 wurde das nun offiziell den Namen Rohrhof tragende Gut mit totem und lebendem Bestand auf 9 Jahre der Gemeinde Brühl überlassen. Zum erstenmal klingt der Name eines Brühler Schultheißen auf. Michel Arnold hieß der Mann, welcher zusammen mit den Gerichtsleuten Nickel Weber und Martin Beyelstein den Vertrag unterzeichnete. Die Brühler Bauern bearbeiteten den größten Teil der vorhandenen 318 Morgen. Viel Land indessen lag brach, wegen der Säuerung der Wiesen, der Dornhecken auf den Feldern und der Vernichtung der Frucht vor der Reife im Boden durch Überschwemmungen. Da erschien es als ein Glück für den Rohrhof, als 1570 der im Deichbau erfahrene Niederländer, Ritter Johann von Jung, genannt Junius, kurfürstlicher Rat und beider Rechte Doktor, Erbbeständer wurde. Er umgab die ganze Gemarkung mit Deich und Graben, legte Stichkanäle zur Wiesenentwässerung und Ableitung des Druckwassers in einem großen, gleichzeitig rationeller Fischzucht dienenden Canal an. Der ausgelaugte Boden wurde verbessert und Rassenvieh angeschafft. Doch was Junius schuf und plante, überstieg die Leistungsfähigkeit seines Vermögens. Als er starb, hinterließ er seinen 4 Kindern eine erhebliche Schuldenlast. Zum Alleinerben des Hofes, nachdem die übrigen Kinder abgefunden waren, hatte Junius bereits 1582 vor Antwerpens Rat und Schöffen seinen Sohn Alexander Friedrich  eingesetzt. Schönau erklärte jedoch im Hinblick auf die aufgelaufenen Schuldzinsen, den Rohrhof wieder selbst übernehmen zu wollen, ließ sich aber dann doch zu einer 6jährigen Gnadenfrist, verbunden mit einem weiteren Darlehen von 2500 Gulden, bewegen.

1615 starb Alexander Friedrich. Neue Anwärter auf den Rohrhof meldeten sich, darunter ein Dr. Herzberg aus Gimmeldingen, welcher auf Grund einer Forderung von 2200 Gulden die Räumung des Hofes verlangte. Es bewarb sich ferner eine Leonore de la Sale, vermeintlich eine Enkelin des Junius. Die Collektur wies unter Hinweis auf die eigenen großen Forderungen, es war weder Zins noch Kapital bezahlt worden, alle diese Ansprüche zurück und setzte 1616 Ludwig Friedrich Oech und Johann Philipp Blandner als Curatoren über die Jungschen Erben ein. Als Hofmann wurde 1617 Hans Göller aus Seckenheim angestellt. Dann brach der 30jährige Krieg aus und wir hören während seiner Dauer nichts mehr von den Jungschen Erben. Der kaiserliche Feldherr Tilly hatte 1622 die Kurpfalz für Baiern erobert, Friedrich 5., den Winterkönig vertrieben und mit; ihm auch seinen Parteigänger, den Schwiegersohn des Junius, Otto von Höven. Die einzige schriftliche Kunde, welche über Brühl während der Kriegsläufte zu uns dringt, betrifft die 1627 beurkundete Überlassung des Rohrhofs zur Bewirtschaftung an Schultheiß Georg Schirmer aus Brühl und die Gemeinleute Endriss Schäffer, Hans Weber, Nicolaus Seiz, Christmann Weber und Nicolaus Raben, den Schützen auf 6, dann auf 9 Jahre.

Die Rohrhofer Akten waren wohl sicherer aufbewahrt, denn wir erfahren immerhin soviel, daß ein Gesuch der Edinger abschlägig beschieden wurde und daß Zahlmeister Prunk für 10 Jahre Pächter war, gefolgt von Hans Köhler aus Neckarau. Alle diese Leute baten in Jammerbriefen ob des schlechten Zustandes von Baulichkeiten, Wiesen und Feldern mit immer gleichen Tenor um Stundung oder Herabsetzung der Pacht oder wie es heißt der Pension. Der große Krieg ging 1648 zu Ende. Er hinterließ Verwüstung, Armut und Entvölkerung wie im großen, so im kleinen. Kaum war der  Westfälische Friede geschlossen, als auch schon 1650 die Erben des Junius auf der Bildfläche erschienen und ihre Ansprüche auf den Rohrhof erneuerten. Als Erster beanspruchte Jan van der Meer de Berendrecht denselben. Auch die Nachkommen des Dr. Herzberg erneuerten ihre Forderungen. Schließlich bat noch Henri von Couverdon, ein Nachfahre des Junius um Restitution, unter Vorlage von Testament sowie eines Schreibens des  Obersten Diederich von Hardenberg, Chefs über die westindischen Truppen in Brasilien und Gouverneur in Acinda de Pernambuco. Darin wurde bestätigt, daß Friedrich Wilhelm von Houel, Herr von Cornaillon, Schaslambert, Roerhoff und Crateendyck unter ihm als Leutnant gedient, nach dem Tode seines Vaters Otto von Höven, des ehemaligen Fauths in Germersheim, jedoch den Abschied genommen habe. So geschehen auff dem Eilande Antoni de Vas, in Brasilien. Ihrer aller Bemühungen nach einer kurzen Gastrolle des Hofpächters, Zahlmeister Johann Steheler und eines Metzgers des Namens Köhler aus Neckarau waren vergebens. 1653 wurde der Hof einschließlich Weydwerk auf 12 Jahre an den Stallmeister Emanuel Frobenius vergeben. Auch er machte seine Erfahrungen und man machte mit ihm seine Erfahrungen. In Brühl hatten unterdessen die Besitz Verhältnisse sich von Grund auf geändert. Aus einem Bericht des Kellers von Schwetzingen vom Jahre 1651 ist ersichtlich, daß Hans Weber und Marx Braun seit 30 Jahren den Cameralerbbestandshof als Beständer innehatten. Braun verkaufte sein Halbteil an Schultheiß Schirmer, dieser gab es weiter an den Gemeinsmann Heinrich Rapp in  Schwetzingen. Bald schon entstanden Streitigkeiten, welche von Kurpfalz zu Gunsten des im Gegensatz zu den als Erzpapisten geltenden Brühlern gut kurpfälzischen Schultheißen entschieden wurden. Er und nach ihm seine Frau waren bis 1677 im Alleinbesitz des Erbgutes. Sie hatte als Witwe den Schultheißen Hans Philipp Lieser geheiratet. Bis l680 ließ dieser das Gut durch den früheren Knecht Hans Jörg May umtreiben, von dem er allerdings behauptete er habe sich mit ihm eine Ratz auf die Eyer gelegt. Da Lieser inzwischen Postmeister in Mannheim geworden war, gab er seinen Bestandteil an Hans Michel Hils weiter, welcher gemeinsam mit Hans Jörg May den Hof bewirtschaftete. Von 1698 bis 1711 waren Thomas Deyerle, Nicolaus Haas und der Schweizer Christian von Alment Erbbeständer. Erschütternd ist es, die Berichte zu lesen, welche in dieser Zeit aus Brühl an die kurfürstliche Rechenkammer in Heidelberg oder die Kellerey in Schwetzingen gerichtet wurden. Es war ein einziger verzweifelter Schrei in Hoffnungslosigkeit gefallener Menschen. Sie klagten über Frost und Hagel, über Dürre und Wassernot, über Viehsterben und Hunger.

Schultheiß Lieser brachte 1674 bittere Beschwerden vor über die Gewalttaten, welche umherstreifende Franzosen und andere Völker im Amt Heidelberg verübt hätten. Brühl habe unter diesen Bedrückungen besonders zu leiden, sei doch der Bauer nicht sicher beim Bestellen seiner Äcker. Er wisse nicht, würde die Saat  aufgehen oder verdorben werden oder schließlich das Korn vom Halm weg oder aus den Scheunen beschlagnahmt. Im 2. pfälzischen Erbfolgekrieg fiel Melac in die Pfalz ein, mit dem Befehl des Sonnenkönigs zu Verwüstung und Ausrottung. Wer von den unglücklichen Einwohnern Brühls nicht dem Brennen und Morden zum Opfer fiel, mußte mit dem Bettelstab in der Hand die Trümmer seiner Habe verlassen. Es waren nur wenige, welche nach Kriegsende wieder in die zerstörte Heimat zurückkehrten. Einen einzigen Mann nur, Hans Weber, genannt der Brunnenhansen, fand der Speyerer Keller außer 14 Frauen vor, als er zum erstenmal wieder nach Brühl kam. Der Schultheiß Lieser war, nachdem er jahrelang keine Besoldung erhalten, bereits 1677 kurzerhand zu seinen Kindern verzogen und hatte dem Gerichtsschöffen David Eisinger Staab und Interimskommando übertragen. Jetzt aber war schultheißlose, schreckliche Zeit eingetreten und alle Bittschriften des Hans Weber um Einsetzung eines neuen Bürgermeisters scheiterten an den Eifersüchteleien zwischen Speyer und Kurpfalz. Schlug das Hochstift einen Kandidaten vor, dann wurde er von Kurpfalz abgelehnt, weil er zu katholisch war, im umgekehrten Fall nahm Speyer an dem Calvinistischen Bekenntnis des Vorgeschlagenen Anstoß. 27 Jahre lang schleppte dieser für Brühl’s Ordnung und Gedeihen verderbliche Zustand sich hin, der einzig und allein verursacht war durch das Machtbedürfnis der beiden Parteien. Es war dasselbe Bild, wie es uns bei der Vornahme des Untertaneneides schon bei Beginn des Jahrhunderts begegnet war, welches in Form von ständig sich, steigernden Auseinandersetzungen sich jetzt wiederholte. Kurpfalz war dabei der weitaus aggressivere Teil. Die Verhältnisse in Brühl hatten sich inzwischen durch das Fehlen einer Ortsobrigkeit und das Hin- und Hergezerrtwerden zwischen 2 Gewalten derart zugespitzt, daß die Einwohner nach dem „Entweder – Oder“ schrieen. Entweder wollten sie speyerisch oder kurpfälzisch sein, andernfalls sie mit Weib und Kind das Dorf verlassen müßten. Das wirkte. In Gegenwart der Vertreter des Bischofs und des Kurfürsten konnten 1707 18 Bürger ihren Schultheißen wählen, den Karpfenwirt Sebastian Maser, welcher zu Gott und allen Heyligen seinen leiblichen Eid ablegte. Zwei Jahre darauf verzichtete Bischof Johann Hugo im Austausch gegen Landbesitz auf den Koller, auf  seinen Anteil an Brühl. Nun waren Brühl und Rohrhof kurpfälzisch. Sie hatten nur noch einen Herrn, der Plagen indes waren nicht weniger geworden. Nach wie vor schickte die Natur ihre Katastrophen über das ausgeräuberte, von Einwohnern entblößte Land, zerschlug den Tabak, ersäufte die Kartoffeln und ließ das Getreide auswachsen. Immer wieder geriet der ungebändigte Strom aus dem Hemmet und überflutete die Fluren. Im Jahre 1758 nicht weniger als neunmal. Kriegsgeschrei und Kriegsgefahren erfüllten das Jahrhundert; und an seinem Ende war wiederum unsere Gegend der Schauplatz erbitterter Kämpfe zwischen dem französischen Revolutionsheer und den verbündeten Deutschen und Oesterreichern, sah Retirade und Erfolge der Franzosen, deren Vorpostenlinie 1795 von Ketsch über Brühl und den Stengelhof nach Feudenheim-Käfertal verlief. Das alles bedeutete neues Leid für Brühl und Rohrhof. Ganze Armeekorps marschierten durch und walzten die Felder zu einer breiten Straße zusammen, sodaß keine Ackerfurche mehr zu erkennen gewesen. Lagerfeuer brannten rings um das Dorf auf der Insel und anderwärts. Franzosen und kgl. kaiserliche Truppen, Preußen, Panduren und Husaren und wer weiß, was noch für Völker, lagen zu 50 und mehr als Einquartierung auf den Höfen. Sie schlugen die Wälder, holten das letzte Bündel Heu von der Tenne und den letzten Sack Korn aus der Scheune. Die Bauern mußten hungern und dabei fronen, daß die paar Pferde, welche noch da waren, oft 8 – 10 Tage lang keinen Stall sahen. Und während so das Volk sich ausblutete, herrschte am Hofe von Serenissimus Verschwendungs- und Prunksucht, und eine, dem französischen Hofe, nachgeahmte Sittenlosigkeit. Die Leute von der Leimbach bekamen dieses Geistes einen Hauch zu spüren als die Residenz von Heidelberg nach Schwetzingen und Mannheim verlegt wurde. Die hohen Herrschaften waren schon immer sehr auf eine wohlbesetzte Tafel erpicht und sicherten sich um dessentwillen Jagd und Fischereigerechtsame. Nun sie in Schwetzingen Hof hielten, ging ihre Sorge dahin, durch Errichtung eines Entenfanges hinter dem Sprauwäldlein für die nötigen fetteb Braten zu  sorgen. Als Entenfänger setzten sie 1732 Jakob Nieffergelder ein, der 1768 erschossen aufgefunden wurde. Er soll den Tod durch einen versehends losgegangenen Schuß des eigenen Gewehrs gefunden haben. Nachfolger, aIs Vormund des Sohnes, wurde sein Schwager, der Wolfskreiser Mayer. Als letzter Entenfänger amtete der Hofjäger Jungkern.

1768, unter der Regierung Carl Theodors, wurde auf Brühler Gemarkung liegendes Gelände der Gemeinden Schwetzingen, Rohrhof und natürlich auch Brühl’s selbst enteignet und darauf eine Fasanerie angelegt. Die Anlage, mit Hilfe schwerer Untertanenfron errichtet, verschlang enorme, aus dem Volk herausgepreßte Summen. Allein der Kostenvoranschlag für die das Gelände umziehende Mauer und die Austrocknung, des zum Teil moorigen Bodens belief sich auf 21 788 Gulden, 31 Kreuzer. Die Brühler Bauern, an und für sich schon arm an Privateigentum, wurden durch Wegnahme der Mittagsweid und des Lachenackers besonders hart getroffen, wie auch nach der teilweisen Abholzung des Sprauwaldes den Angrenzern nur noch ein winziges Stück Waldes für den eigenen Bedarf übrig blieb. Im Pavillon der Fasanerie feierten unterdessen Prinz Carl von Pfalz-Zweibrücken und seine übermütige Gesellschaft üppige Feste. Mit „Hussa“ und „Horrido“, unter dem Geheul der Meute, ging die Hetze über Wiesen und Felder. Schon 1769 kündigten die Pächter des Kronenberggutes dem Domkapitel den Bestand auf, unter anderen Gründen, wie der starken Frontlasten und Mißwachs, wegen der großen Wildfuhr und neu gerichteter Coppeljagd, dazu veranlaßt. Die Erbbeständer des Gutes 1764 waren der spätere Schultheiß Georg Merkel, Joseph Fleck, Johann Meyer, Josef MerkeI, Georg von Allmend, Philipp Tiefenbach.

Ihre Abgaben betrugen:

Korn 79 Malter

Gerst 48 Malter

Haber 42 Malter

5 fl. Gartenzins.

15 fl. f. 2 Wagen Heu

Sie waren seit dem Jahre 1743 dieselben geblieben. 1799 waren nicht Haus noch Scheuer, noch Stallungen mehr auf dem Gut vorhanden, der Ort selbst war auf 36 Häuser zusammengeschmolzen. Kein Mensch hatte mehr Mut noch Kraft zur Übernahme des Gutes. Ein Fremder durfte nicht eingesetzt werden, ging doch der Geist der Aufwiegelung um. 1801 schildern der Zeitbeständer Jakob Eder und Consorten in einem langen Brief an das Domkapitel die trostlosen Zustände.

Das Herrengut ,war am 20. August 1711 auf Grund folgenden Erbbestandsbriefes durch Ulrich Ilsshöfer übernommen worden:

50 Morgen Acker und 6 Morgen Wiesen in Erbbestand.

1. Er erhält das Gut in der Eigenschaft des Domni ultis. Bei Erbfall: Laudenium 2 Gulden von 100 fl.

2. Sie haben das Gut renovieren zu lassen.

3. Im Kriegsfall dürfen sie ihre Früchte im herrschaftlichen  Speicher einlagern.

4. Einige verlassene und verwüstete Güter sollen gerodet werden.

5. Das Gut ist befreit von Schatzung, .beeth, Steuer, frohn, Wacht, Einquartierung, licent, (Verkaufs- und Handlungs-Impost), ordinari als extraordinari in Kriegs- und Friedenszeiten vorfallende Beschwerden aller re personal Civil uud Militär enerum, Fourage und Portionsgeld, Contributionen (mit dem Zehnten soll es beim Alten bleiben).

10. Heer, Hagel, Mißwachs vorbehalten.

11. Wenn 3 Jahre keine Pacht bezahlt wird, fällt das Gut zurück.

12. Wenn Sie auf dem Gut Gebäude errichten wollen, steht Ihnen Holz gratis zur Verfügung (auch zur Unterhaltung).

13. Erbpacht:     -15 Malter Korn, -15 Malter Gerst, -18 Malter Habern

14. Erbkaufschilling: 150 Gulden.

15. Alle fahrende Habe Unferpfand für Pachtzahlung

Unterschrift :

Ulrich Ueltzhöfer von Brühl.

 

Thomas Dreyerle und Christian von Aliment erschienen 1728 vor Gericht mit der Erklärung, 30 Jahre lang bis 1711 das Gut als Zeitbeständer innegehabt zu haben und wiesen an Hand von Quittungen die Zahlung von Erstkaufschilling und Pacht während der Jahre 1699 bis 1711 nach. In dem darob zwischen den Genannten und Ilshöfer vor Gericht und Kurfürst ausgetragenen Rechtsstreit bekam bald die eine, bald die andere Partei recht, wurden die Kläger 1729 exmittiert, 1730 wieder in den ruhigen Besitz des Gutes eingewiesen, 1731 Ilshöfer und dessen Erben als rechtsmäßige Erbbeständer anerkannt. Das Ende vom Lied war ein Vergleich. Die Prozeßkosten Ilshöfers betrugen 249 fl.

Am 9. 5. 1747 gab ein neuer Erbbestandsbrief Gg. Ilshöfer, Friedrich Ilshöfer und Peter Köhler von der Rehhütte das Cameralhofgut frei von Frond und großem Fruchtzehnten bis auf die 3. Generation in Erbbestand. Somit waren Erbbeständer des Herrengutes:

ab 20. 8. 1711 Ulrich Ulzhöfer unbeschränkt

ab 9. 5. 1747 Johann Gg. Ulzhöfer

Peter Köhler beschränkt auf 3 Generationen

Erstes Drittel:

a) Johann Georg Ulzhöfer

b) Martin Ulzhöfer

c) Ottilia Ulzhöfer, verh. Gund

transfix: 13. 6. 1797

Zweites Drittel:

a) Friedrich Ulzhöfer

b) Kathar. Ulzhöfer verh. Michel Eder

c) Heinr. Eder 1/0 transfix 2. 5. 97

Barb. Eder geb. Kohl, desgl.

d) Josef Lindner, transfix 6. 7. 1802

Paul Juncken, desgl.

Drittes Drittel:

a) Peter Köhler, verk. 1750 an

b) Friedrich Ulzhöfer, dessen Witwe 1755 an

c) Jakob Nievergelder, dessen Witwe nach dem Tode ihres Sohnes Heinrich an dessen  Frau Ottilie und neuen Ehemann

d) Peter Jungken transfix 6.11. 1782

1804 besitzt also:

Paul Jungken      1/2 auf 3 Generationen

Georg Gund        1/3 auf 2 Generationen

Josef Lindner      1/6 auf 1 Generation

Die Allmende Brühls war sehr gering gegenüber den Besitztümern der Ausmärker. In einem Gerichtsprotokoll, begonnen am 14. Dezember 1715, unterschrieben von Schultheiß Johann  Adam Niesser und den Gerichtsleuten Herrmann Burger, Christian von Allemang, Heinrich Weber, Ulrich Ulzhöfer, Nicolaus Nickel, Nic. Brucker und Jakob Keck befindet sich eine Beschreibung der Gemeingüter.

Genannt werden die sogenannten Hanfgärten, ein klein gemein Insul, ein Gemeinwäldlein, das Bannholz genannt, so durch die Soldaten abgestumpt worden, die kleine Krautgärten, ein gemein Hirtengärtlein. Erwähnt werden ferner ein gemeiner Platz, so ehemals ein gemeiner Gehorsam, ein gemeine Schmidt, vor dieser aber eine Pferdewett gewesen; mit einem Teil des Dachs auf der Kirchmauer. Auf den Rhein stieß die Brühler Allmende, an das Sprauwäldlein der Spraulachenacker, mit Ketsch gemeinsam war die Inlsultmittagswayd. Wir lesen von Alimenteverteilungen in jeweils 25 Losen an die älteren Bürger im Jahr 1777 und zwar der heiligen Haagstücker unter der Voraussetzung der Anpflanzung mit Tabak, der gemeine Sandgewann, der Kappelenstücker und der Pferchgewann sowie 1797 von einer Versteigerung des Allmentsbuckels und des großen und des kleinen Moritzel für 255 fl. 28 kr. 1715 erwarb Johann Ritzmüller von der Gemeinde einen gemeinen Platz im Bannholz, 3 Morgen groß für 60 Gulden und 11 Gulden Bodenzins, zahlbar an Martini.

Er erbaute darauf die Dornmühle. Schon 1774 mußte der Letztesitzer, Johann Georg Merkel dieselbe abreißen lassen. Die Errichtung der Stegmühlegeht geht das Jahr 1586 zurück. In der heutigen Form,  wie das aus der auf dem Mühlwappen über dem Tor eingemeißelten Jahreszahl hervorgeht, besteht die Mühle erst seit 1854. Der damalige Besitzer Johann Schrank, muß ein sehr wohlhabender Mann gewesen sein, war er doch in der Lage, die mit Getreide ungenügend versorgte Gemeinde damit zum Mittelpreis des Mannheimer  Marktes zu versorgen. Sehen wir, was die Protokolle uns weiter zu melden haben. 1784 beanspruchte darnach der Freiherr von Dallberg die ehemaligen Ullnerischen Güter. Dem widersprach mit Erfolg Freiherr von Lehrbach, als Schwiegersohn des verstorbenen Freiherrn. Er verpachtete die 16 Morgen großen Wiesen an Friedrich Happel aus Heidelberg.

Sehr nett ist die Feststellung, daß jeweils der amtierende Schultheiß eine Schildgerechtigkeit besaß: Sebastian Moser war Karpfenwirt, Hans Adam Nießer bewirtschaftete den seit Mitte des 17. Jahrhunderts in Familienbesitz befindlichen goldenen Löwen, Jakob Eder schenkte im goldenen Pflug aus und Valentin Eppel im goldenen Adler.

In einem Rechtsstreit, der von der Gemeinde Ketsch gegen Brühl wegen Alleinbesitz der Nachtwayd angestrengt wurde, verwies Brühl mit Erfolg auf ein Renovationsbuch de dato 1672, wonach Schultheiß Hilz aus Schwetzingen, Hans Treiber von Plankstadt sowie Johann Schreiber, Bürger zu Schwetzingen unterschriftlich bestätigten, daß der Vieh trieb auf der Nachtwayd von altersher gemeinsam gewesen sei.

Traurig stand es um die kirchlichen Dinge. Die einzige Kirche befand sich in jammervollem Zustand, war mehr ein Gemäuer denn ein Gotteshaus. Sie war ursprünglich gemeinsam benützt worden. Auf die Dauer tat das jedoch nicht gut und beide Konfessionen strebten nach dem Bau einer Kirche: Den Reformierten versprach die Regierung schon 1737 den Bau einer solchen. Sie mußten jedoch noch viel Geduld aufwenden, bis es dazu kam. Die Katholiken begannen 1745 mit dem Bau ihrer Kirche. Die Steine dazu stammten von dem demolierten Reyerhaus. Der Bau muß lange Zeit in Anspruch genommen haben, denn erst im Jahre 1779 wurde ein schöner Altar in Bildhauerarbeit gesetzt und dessen Herrichtung in Farben an den Vergulder Johann Peter Spahn in Mannheim vergeben. Schon 1742 bat die katholische Gemeinde den Kurfürsten um Einsetzung eines Pfarrers, da den 174 katholischen Einwohnern nur 7 Reformierte gegenüberstünden. Auf dem Rohrhof, obwohlen er mit Wiedertäufern besetzt, befänden sich 10 bis 12 katholische Gesinde und sommers über 30 katholische Taglöhner. Zu den Menoniten, welche im Laufe des Jahrhunderts in Rohrhof sich niedergelassen hatten und durch Fleiß und Gottesfurcht gutes Beispiel gaben, gehörte auch der Stabhalter Peter Neff. Er übte wie die meisten Menoniten den Beruf eines Webers aus. Die heute noch in Rohrhof ansässige Familie Stauffer besitzt folgende Urkunde über diesen Mann:

Für Kunst und sämtliche Meister des ersamen Leineweber-Handwerks

Lehrbrief des Peter Neff Erbesbüdesheim Amt Alzey

Johann Georg Gross, Zunftmeister.

Es ist in den Staufferhöfen, welche zu den ältesten Häusern Rohrhofs gehören, auch noch eine alte, abgegriffene, in Pergament gebundene Bibel vorhanden, welche darüber Auskunft gibt, daß Peter Neff im Januar 1787 Magdalena geb. Schwarzin geheiratet hat. Am 22. November desselben Jahres wurde den jungen Leuten ein Töchterlein Barbara geboren. Im Jahre 1805 am 16. Juni wurde das die Ehefrau des Jakob Stauffer aus Ibernheim und damit die Stammmutter dieses Geschlechtes. Die Staufferhöfe dürften kaum viel älter als 200 Jahre sein. Der 30jährige Krieg und der Verwüstungskrieg gegen die Pfalz haben dafür gesorgt, daß kein Stein auf dem anderen blieb. Auch in Brühl gibt es nur wenig alte Häuser, kenntlich am spitzen Giebel und verwitterten Fachwerkbalken. Sie stehen in Ketscher Straße und Mühlgasse, Schwetzinger Straße, Kirchstraße und Neugasse. Auf das höchste Alter dürfte das Gasthaus „Zum Karpfen“ zurückblicken können. Über wenige Mauerreste, einen Haufen schwerer Platten und einen steinernen Trog hinter einer alten Scheune‘ des Rohrhofs, ist eine Altersfeststellung nicht möglich. Gegen die erntevernichtenden Überflutungen durch den Rhein jedoch bestand die Möglichkeit der Hilfe. Der Rheindamm, dem besonders das gewaltige Hochwasser und der Eisgang 1788 und 89 schweren Schaden zugefügt hatten, mußte  wiederhergestellt und erhöht werden. 20 Jahre lang waren die Eingaben an die Behörden ohne Erfolg geblieben. Endlich gelang es 1797 dem Stabhalter Neff durch die eindringliche Schilderung all des Schlimmen, was im Laufe der Jahrzehnte über den Rohrhof hereingebrochen war, der Plünderungen und Einquartierungen, der Teuerung, des Vermögensverlustes und als deren Hauptursache, der ständigen Überschwemmungen, den Kurfürst zur Einsatzung einer Rheinbaukommission zu veranlassen. Die Arbeiten wurden noch im gleichen Jahre mit Hochdruck in Angriff genommen und beendigt. Naturlich wurde auch die Kostenrechnung in Höhe von 2784 fl. 113 kr. pünktlich präsentiert. Als Neff in seiner Eingabe von drohendem wirtschaftlichem Ruin des Einen oder Anderen sprach, hatte er nicht zuviel gesagt. Das wird illustriert durch die Verkäufe von Haus und Hof, welche schon lange zuvor vorgenommen werden mußten. Bereits 1750 sah sich Rudolf Fellmann durch die Not gezwungen, den halben Hof und die halbe Ernte dem Jakob Mellinger aus Eppstein für 1500  Gulden und 15 Gulden Trinkgeld zu verkaufen. Er blieb nicht der Einzige, der zum Verkauf gezwungen war. Und wie immer in Notzeiten, entschloß manch Einer sich zur Auswanderung. So nennt Kaltenbronner in den Schriften der Deutschen Akademie folgende Aussiedler aus Brühl und Rohrhof.

Am 3. 5. 1766 Sebastian Bach zur Ansiedlung im Banat. Am 3.6. 1783 Karl Hausmann mit 2 Personen nach Galizien. Am 2.6. 1784 ziehen Johann Falk mit 3 Angehörigen von Mährisch-Ostrauaus als Kolonisten nach Galizien, zugleich mit der 5köpfigen Familie des Bauers Thomas Schmidt. Im gleichen Jahre ziehen von Wien aus, verlockt durch die Versprechungen der Ungarischen Regierung bzw. Krone (Conscriptis neodeomarum colonorum in indyta regno Hungariae incolatum petentium) ins Banat:  Sebastian Eschwald, Ziegler mit 5 Personen und Georg Koch mit 4, Personen.
Wer von ihren Nachkommen mag wohl den Rückweg in die alte Heimat als Flüchtling genommen haben?

Die geistliche Administration verschloß vor diesen Tatsachen auch nicht die Augen. Sie sah auf der einen Seite die öden Sandfelder und wußte andererseits darum, daß nach dem Verderb des Sprauwaldes eine arge Holznot für Brühl-Rohrhof bestand. Also befahl sie, 50 Morgen Sandboden mit Forlen zu bepflanzen. Stabhalter Neff veranlaßte für die Gemeinde ein gleiches und auch die Erbbeständer, Hofkammerrat Stengel und Medizinaldoktor Renner waren zur Anlage eines Waldes bereit. Ein Jahrhundert voller Grauen und Unmenschlichkeiten war zu Ende gegangen.

Es hatte die Menschen bis zur Verzweiflung gequält, aber es hatte ihnen nicht die Energie rauben können und nicht den Glauben an die Zukunft, versinnbildlicht in dem Wald, der aus winzigem Keim emporwachsen würde.

Napoleons Schatten lag über Europa.

Über dem Rhein, wo die Franzosen in dem von der alten Kurpfalz losgerissenen Stück Land regierten, wurden die Bauernsöhne von den Höfen geholt; um in die „grande armee“ eingereiht zu werden. Da bat sich manch ein junger Pfälzer aus dem Staub gemacht und ist, um der Gefahr zu entgehen, über den Rhein herüber gewechselt. Auch der junge Jakob Stauffer vom Ibernheimerhof gehörte zu diesen deutschgesinnten Auswanderern.

Er wurde seßhaft in Rohrhof, wo er als Erster von Stauffergenerationen bis zum heutigen Tage, den Stab des Rohrhofs hielt. Die Eroberungspläne des Staatenbildners Napoleon brachten es mit sich, daß eines Tages wieder einmal der Marschtritt französischer Bataillone über unseren Heimatboden stampfte. Der Empereur zwang die 16 Mitglieder des von ihm geschaffenen Rheinbundes in militärische Abhängigkeit hinein und wieder mußten deutsche Menschen als Kanonenfutter für ehrgeizige Träume dienen. Und wieder wurden auf die Schultern des Volkes drückende Kriegslasten gelegt. Zuerst von Seiten der napoleonischen Truppen und sodann, nach der Schlacht bei Leipzig, durch die Armeen der heiligen Allianz. Daß am Rhein Oesterreicher als Verfolgungstruppen standen, beweist der Befehl des Kommandanten eines kaiserlich königlichen Vorpostenkommandos, daß bei der Schanzenhütte, wo schon früher einmal eine Brücke über den Leimbach das herrschaftliche Koller mit dem Edinger Ried verbunden hatte, wieder eine solche zu schlagen sei, damit die Patrouillen darüber reiten könnten. Die Kosten dafür trug die Kreiskriegskasse. Für die Bestreitung anderer Kriegskosten dagegen mußte die Gemeinde aufkommen. Der Gemeindesäckel aber war leer, also mußten die Gelder, um den unersättlichen Ansprüchen der Kriegsführenden Genüge zu tun, irgendwo gepumpt werden. Einer der Geldgeber war der Hofapotheker Ferdinand Henking in Heidelberg mit einem zu 6 % verzinslichen Darlehen von 1100 fl., gedeckt durch Verpfändung von Ländereien der gemeingroßen Insel und der Kapellenstücker. Die Schuld war 1822 getilgt wie auch diejenige eines Staatsdarlehens von 300 fl. gegen Sicherheit durch Verpfändung im Bischof, im Wiesenplätz und im vorderen Moritzel. Ferner wurde auch das Johann Lossische Curatel in Anspruch genommen, um die Fouragelieferungsgelder in Höhe von 1000fl. bezahlen zu können. Es gab ja noch bis zum Weltkrieg Gemeinden, welche an den Lasten der napoleonischen Zeit abzutragen hatten. Einen der Rheinbundstaaten bildete das Gebiet, welches der Luneviller Friede von der ehemaligen Kurpfalz übrig gelassen hatte, mit der Markgrafenschaft Baden-Durlach und einem Teil des Breisgaues zusammengelegt. Dieses allemanisch-schwäbisch-fränkische Land von Napoleons Gnaden erhielt einen Großherzog in der Person des Zähringers Karl Friedrich und hieß Baden. Brühl und das ihm gerichtlich und kirchlich unterstellte Rohrhof hatten aufgehört, kurpfälzisch zu sein. Ihre Beschwerden und Eingaben gingen künftig an die großherzoglichen Ministerien und die Kreisregierungen. Mit dem Einbau und der Angliederung der doch sehr verschieden organisierten Landesteile ging es indessen nicht so schnell. Es ist amüsant zu lesen, mit was für Titulaturen die neuen Behörden zuweilen bedacht wurden. So richteten z. B. 1802 Jakob Eder und Genossen ein Schreiben an die hochfürstlich, markgrävliche, badische, hochpreißliche Besitzergreifungskommission in Bruchsal. Die Eingaben gingen an einen neuen Herrn, die Klagen aber blieben die alten. Es war besonders der erbärmliche Zustand, in welchem das bereits 1616 erwähnte reformierte Kirchlein sich befand, so daß dasselbe mehr einem Stall denn einem Gotteshaus geglichen habe. Auch die bis 1819 daran ausgeführten, aus Mangel an Mittel ungenügenden Wiederherstellungsarbeiten in Gestalt eines Lehmfußbodens, von Läden statt der zerbrochenen Fenster, eines Tisches und Stuhles für den Pfarrer anstelle der Kanzel, einer Türe und 12 Bänken und endlich der Errichtung eines hölzernen Glockentürmchens konnten den Verfall nicht aufhalten. Endlich führte die Gründung eines Baufonds und die Erhebung von Kollekten zum ersehnten Ziel, dem Herrgott wieder an würdiger Stätte dienen zu können. Auch die 1747 erbaute katholische Kirche begann baufällig zu werden. Als nun gar während des Gottesdienstes im Februar 1792 ein großes Stück der Decke sich löste und auf Boden und Bänke herabstürzte, wurde die Kirche bis zur Behebung der Mängel geschlossen. Doch waren die Balken derart mürb und morsch, daß noch im gleichen Jahr ein Neubau in Angriff genommen wurde.

In den Karlsruher Ministerien mochte man nicht länger zusehen, wie der wilde Rhein Jahr für Jahr die Wiesen verschlammte und die Saat im Boden vernichtete. So gab man 1833 dem Wasserbauingenieur Tulla den Weg frei zur Ausführung seiner Pläne einer Korrektur des Rheines. Die Durchschnitte bei Ketsch und Otterstadt brachten keine technischen Schwierigkeiten, so daß dort schon 1845 der neue Rhein zu Tal schoß, welcher das Koller zu einer Insel machte.

Zwischen Baden und Bayern war 1825 eine Übereinkunft getroffen worden, wonach die durch die Stromgrenze vom bisherigen Verband abgetrennten Parzellen, soweit sie nicht Eigentum von Staat, Gemeinden, Korporationen und Privaten waren, in die Hoheit des Uferstaates, worin sie lagen, übergehen sollten. Da jedoch Bayern großen Wert auf Germersheim als Brückenkopf legte, gibt sie den Koller im Tausch an Baden zurück. Er zählt heute zur Brühler Gemarkung. Im Unterholz des Faschinenwaldes stößt man auf die Grenzsteine, die zwischen Baden hüben und Bayern drüben gesetzt wurden. Jetzt erst begann für den Rohrhof, welcher Jahrhunderte hindurch durch den Tyrannen Rhein gelitten hatte, Aussicht auf ruhige Feldbestellung und vor Überschwemmungen gesicherte Einbringung von Heuet und Ernte, war doch gleichzeitig ringsum ein Schutzdamm gegen die Launen des nassen Elementes errichtet worden. Und doch „erwiesen sich die Kräfte der Natur dem Werk von Menschenhand überlegen, als im Dezember 1882 der Bimmel seine Schleusen öffnete und in wochenlangen Regengüssen die Wasser von Rhein und Neckar wohl an die 10 Meter hoch steigen ließ. Schließlich brachen die Neckardämme, die Fluten stürzten herein und setzten das Land auf Hunderte von Kilometern unter Wasser. Von Brühl und Rohrhof hinweg über das Wiesengelände zum völlig abgeschnittenen Koller hinüber, wogte meterhoch ein einziger trüber See. Die Leute vom Koller konnten mit Mühe und Not ihr nacktes Leben retten. Der Staat des 19. Jahrhunderts, in dem der Begriff des Sozialen Wurzel gefaßt hatte, war diesmal mit seiner Hilfe rascher zur Hand, als das noch zu Beginn des Jahrhunderts der Fall war, als so mancher brave Rohrhofer Mann, der aus wirtschaftlicher Not skrupellosen Händlern und Geldgebern sich ausgeliefert hatte, um Haus und Habe kam. Die Entwicklung im Rohrhof war durch Erbteilung inzwischen bei fortschreitender Auflösung des Großgutes, bis zur Gliederung in 32 Teile fortgeschritten. Um die 40er Jahre setzte eine wahre Welle von Verkäufen und Allodifikationen wie im Rohrhof so auch in Brühl ein. Einige dieser Käufe werfen ein bezeichnendes Licht auf die Entwicklung der Dinge. Es wird klar, woher es kommt, daß das Koller im Besitz der Domäne sich befindet, wenn wir lesen, daß im Jahre 1837 7 Besitzer ihr Wiesenland auf dem Koller, in der Königslach und der Pfaffenwiese gelegen, an den Staat verkauft haben und daß 1838 Schwetzingen mit der Jägerwiese dasselbe tat. Auch über das Rätsel des reichen Grundbesitzes der Collektur in Mannheim brauchen wir uns nach dem Studium der Grundbücher aus jener Zeit keine Gedanken mehr zu machen. 2/8 des Rohrhofs wurden durch sie von den Erben des Medizinalrats Dr. Renner erstanden und 3/8 aus dem Besitz des Lazarus Traumann Erben zu dem Preis von 50.389 Gulden übernommen. In Brühl befand sich bereits seit langer Zeit das Heiligengut in Collekturbesitz. Wie schlecht es um die Schulräume bestellt war, ersehen wir daraus, daß die evangelische Gemeinde ein Stück Land im Hirtengarten ankaufte, um darauf ein Schulhaus zu errichten und daß ebenso für den Bau eines katholischen Schulhauses Haus und Nebengebäude des Schreinermeisters Karl Friedrich Eder erworben wurden. Auch Nachricht  über die Errichtung der ersten Ziegelhütte mit Brennofen dringt aus den alten Kaufbriefen zu uns, für welche die Gemeinde dem Johann Adam Schenkenwald 1 Viertel R Ruten des öden Platzes am Gässelstiegweg zur Verfügung stellte. Der Stegmüller Schrank ist als Käufer des sogenannten Rohrhofer Waldes oberhalb der Spraulache zum Namenspaten des Schrankenbuckels geworden. Der Übergang der herrschaftlichen Güter in Personaleigentum war schon früher erfolgt indem deren Erbbeständer dieselben allodifizieren [ich kannte das Wort nicht, daher hier eine Anmerkung aus dem Duden: „(seit dem 16. Jahrhundert) ein Lehen in freies Eigentum umwandeln unter Mitwirkung der Belehnten und gegen Abfindung des Lehnsherrn“] ließen. Beim Cameralherrengut waren das der frühere Entenfänger, Wieseninspektor von Jungkenn, welcher sich jetzt durch Diplom als Paul von Jungkennen, genannt Münzer von Mohrenstamm auswies, der Gerichtsverwandte und Bürger Joseph Lindner und die Gundtschen Erben. 1837 wurde der Zehntablösungsvertrag zwischen dem Schultheißenamt Brühl und der evangelischen Kirchengemeinde Schwetzingen, wohin der Ort eingepfarrt war, abgeschlossen und 1840 erfolgte die Zehntablösung von dem großherzoglichen Domänenärar. Die Allmendlose waren wie von altersher immer noch unter die 25 ältesten Bürger vergeben. Die zum größten Teil unbegüterten Jungbürger, welchen der freiheitliche Westwind doch etwas in die Knochen gefahren war, wollten da nicht mehr mitmachen. Ihrer 60, an der Spitze Bürgermeister Merkel, peditionierten 1822 bei der großherzoglichen Kreisregierung um Umwandlung der 24, je zwei Morgen betragenden Allmendlose in 48 Teile. Dieser Antrag sowohl, als auch 3 weitere, in den Jahren 1833, 1834, 1835 scheiterten am Widerstand der Allmendalleinberechtigten. Endlich 1839 kam es in erregter Gemeinderatssitzung zum positiven Ausgang der Abstimmung. Erneuter Einspruch der Altbürger führte zum Prozeß. Er endete mit einem Vergleich und hohen Anwaltskosten für beide Parteien. Ein von den Begüterten Schwetzingens gegen die Gemeinde Brühl angestrengter, bis zum Appellationsgericht vorgetriebener Prozeß fiel günstig für Brühl aus. Die Kläger beriefen sich auf einen fides extractus vom Jahre 1780, einer Spezifikation über Schäfereyen, 1550 vom Centmeister Podozer der Cent Kirchheim ausgeschrieben.

Danach stand Kurpfalz, als deren Rechtsnachfolger im Eigentum Schwetzingen glaubte sich betrachten zu dürfen, das ganze Jahr hindurch das Weidrecht in Brühl und Rohrhof auf Brach, Eggerten und Stoppelfeldern zu, auf Wiesen und Matten hingegen nur zwischen Martini und St. Jörgenstag.

Was geschah weiteres im 19. Jahrhundert? Von der Domänenverwaltung Mannheim liegt ein Protokoll vor über Bestimmung des Ablösungskapitals des Domänialzennten, festgesetzt auf 1230.23 fl. für den großen und 1628.50 fl. für den kleinen Zehnten.

Bis zum heutigen Tage ist die 1835 erfolgte Verlegung der Ketscher Fähre über den Altrhein nach Brühl für unsere Gemeinde von großer Bedeutung geblieben. Als Voraussetzung dafür galt die Instandhaltung des zu der von der Domänenverwaltung eingerichteten Fähre führenden Waidweges durch die Gemeinde. Als Hauptbenützer wurden die Ziegler zu den Kosten herangezogen. Es sei nur nebenbei erwähnt, daß bis 1862 noch Schiffspferde und Schiffsreiter die Überfahrt benützten. Mit der Eröffnung der Fähre wurde der Waidweg zu einer Art von Handels- und Verkehrsstraße. Während bislang nur die Brennöfen der Ziegler dort qualmten, entstand jetzt auf dem Letteballe, einem weit in den Fluß hineinragenden Vorland, ein großer Lagerplatz für Holz, Tonwaren und Kohlen. Legten doch die vom Rhein kommenden Kohlendampfer mit der kostbaren schwarzen Ladung aus dem Ruhrgebiet dort an. Der Kohlenhändler Schuh verkaufte die Kohlen frisch vom Kahn als Kleinhändler an die Brühler, wenn sie mit Schubkarren oder anderem Fahrzeug anrückten und als Großhändler an Gewerbe und Industrie der ganzen Gegend.

Die Schachtel, eine straßenbreit ins Land hineinschneidende Bucht, war des Holzhändlers Karl Eders Floßhafen. Dort stießen die Schwarzwälder Flößer ans Ufer. Der Convoi der Flöße reichte zuweilen bis hinauf nach Ketsch. Die Stämme wurden an Ort und Stelle zersägt und als Bauholz abgefahren. Schwere Pferdefuhren brachten aus dem Bruhrain dicke Eichenstämme heran. Zu Flößen zusammengekoppelt, trieben sie rheinabwärts nach Holland. Der Altrhein dort war sehr tief. So konnte es in einer dunklen Nacht geschehen, daß eine Kutsche, von einer Hochzeit in Schwetzingen kommend, vom Weg abgeriet und in den Fluten versank. Kutscher und ein Fahrgast ertranken, indes sich zwei Frauen an das Ufer retten konnten. Wie ihnen das gelang, wußten sie hinterher selbst nicht mehr zu sagen. Nicht allzuweit von dieser Unglücktsstelle erzählt ein altes Feldkreuz, halb versunken im Boden des Almenbuckels von dem Schicksal der Eva Bollweberin anno 1776. Sie hatte sich vor dem Unwetter unter einen Baum geflüchtet, und wurde dort vom Blitz erschlagen.

Machen wir einen Schritt zurück in die Zeit, als noch die Revisiollsprotokalle des Vogtgerichts den Gemeindebeamten Kopfschmerzen verursachten, wurde darin doch allerhand bemängelt. Man ließt da von der Sauberhaltung einer Baumschule, von Baumveredelung, wobei darauf zu achten sei, daß die Reiser in das Holz und nicht in die Rinde einzusetzen seien, um Instandhalten der Straßenkandel und anderem mehr. Eine Viehbestandsliste von 1845 zählt auf:

72 Pferde, 3 Stiere, 5 Rindsfassel, 170 Kühe, 123 Rinder, 32 Kälber, 193 Schweine dazu 3 Fassel, 54 Schafe und 8 Ziegen.

Eine Rüge gab es wegen des ungenügenden Vorhandenseins von Feuereimern. Es wurde bestimmt, daß künftig nur der Jungbürger in das Bürgerbuch eingetragen werden dürfe; der den Besitz eines völlig einwandfreien Feuereimers nachzuweisen imstande sei. Sehr dringend wird auf vorzunehmende Arbeiten zur Verwahrung des Allmendufers hingewiesen, allwo durch Wegschwemmung bereits 1 Morgen nutzbares Land verlorengegangen sei. Ferner wird das Anlegen eines Abzugsgrabens bis in die Bach in der Neugasse gefordert, damit nicht dauernd Wasser vor den letzten Häusern steht. So ziemlich ein jeder der Vogtgerichtsschriebe beginnt mit einem Lob für den Bürgermeister. Dann geht es aber los mit den Beanstandungen. Lebhaft wird Klage geführt über das Benehmen der  jungen Classe, welche sich des Nachts zwecklos auf den Straßen herumtreibt, in den Wirtshäusern spielt; zecht und lärmt und sich mit dem weiblichen Geschlecht  in Privathäusern trifft. In der guten alten Zeit war demnach die Jugend nicht weniger übermütig wie heutzutage. 1845 wird wieder einmal eine Zehntablösung fällig. Das Kapital gibt der Borromäus-Hospitalfonds. Steuer Peräquator Kanzler stellt den Durchschnittsertrag des kleinen Zehnten von 1818-1832 in folgender Höhe fest:

Tabak

20 Zentner, durchschnittl. 7 f!. 140 fl.

Kartoffel

40 Malter, durchschnittl. 1 fl . 40 fl.

Dickrüben

40 Löcher, durchschnittl. 5 fl. 60 fl.

Welschkorn

1 % Malter, durchschnittl. 7 fl. 10fl.30kr.

Hanf, 21 Pfund

3 Pfd. durchschnittl. 1 fl. 7 fl.

257 fl. 30 kr.

In dieser Aufstellung möchte man den Hopfen vermissen, dessen Anbau belegt ist durch die Nachricht im Bürgerbuch 1855, daß Bernhard Geschwill von einer Hopfenstange erschlagen wurde. 1875 ist die Rede vom Hopfendürren auf dem katholischen Haus und noch nach dem ersten Weltkrieg schmunzelten die Leute vergnüglich, wurde vom „Hoppe-Zoppe“ erzählt. Es gärte überall  im Lande. Der Freiheitsgedanken, von Burschenschaftern in das Volk getragen, gjpfelnd in der Forderung nach Volkssouveränität und Republik, führte zum Aufstand gegen die rückschrittlichen im Mittelalter steckengebliebenen Regierungsmethoden.

Es ging unglücklich für die Revolutionäre aus. Im Kampf um die Freiheit fanden Christian Deutsch und Martin Schimmele aus Brühl den Tod. 8 Bürger des Ortes zogen die Auswanderung nach Amerika  dem Gefängnis und vielleicht noch Schlimmerem vor. Für die Unsicherheit der Zeit spricht es, daß die Bürger Nachtwache zu leisten hatten, welche nach Bedürfnis erhöht werden sollte.

1864 wird mit dem Bau eines neuen Schulhauses begonnen, wofür der Bauplatz bereits vorhanden ist und dessen Errichtung ein Kapital von 6000 fl. erforderte.

Schnaken gab es damals auch schon. 1875 wird eine allgemeine Schnakenbekämpfung mit  venezianischen Räucherkerzen angeordnet. Das Entstehungsjahr der jetzigen katholischen Kirche, erbaut auf .dem Gelände des alten Friedhofs, ist 1895. Im katholischen Pfarrhaus  hängt eine Aufnahme, welche das alte, rührend bescheidene Kirchlein darstellt, neben dem, noch vom Gerüst umgeben, der stolze Bau der neuen Kirche emporstrebt. Der Krieg 1870-71, Ausgangspunkt der Reichsgründung, kostete Brühl 40 Todesopfer, deren auf dem Denkmal gedacht ist, welches in Gegenwart von Großherzog Friedrich dem Friedfertigen, dessen Relief es trägt, eingeweiht wurde. Der gewonnene Krieg löste wie überall, so auch in Brühl, wirtschaftlichen Aufschwung aus. Schon seit den 40-iger Jahren hatte die weltumwandelnde, Geist und Charakter beeinflussende Technik sich an die Spitze der Kräfte gesetzt. Jetzt begann sie durch intensive Industrialisierung in das Leben der kleinen Gemeinde hineinzugreifen. Wenn es in unserem Ort zunächst auch nur zur Eröffnung kleiner Unternehmungen, wie einer Aluminiumfabrik, Zigarrenfabrik usw. kam, so machte sich doch die Wandlung im wirtschaftlichen  Gefüge In der Weise geltend, daß die aufblühende Industrie der Nachbarstädte immer mehr die Brühler Einwohner in ihren Arbeitskreis zog. Um die Jahrhundertwende war auch Brühl dem großen Umwandlungsprozeß unterworfen, welcher es aus einer bäuerlichen Siedlung in ein Industriedorf an der Großstadtperipherie umgeformt hat. Kennzeichnend für den Gang, der Dinge ist es auch, daß nach und nach an Stelle der Feldbrandöfen Kalk- und Ringöfen traten, welche eine ständig wachsende Arbeiterzahl in Anspruch nahmen. 1884 stellte die Ziegelei Johann Baptist Eder die erste Dampfmaschine auf. Noch 1885  kamen die  Ziegeleibesitzer Eder lind Merkel um die Erlaubnis ein, eine Straßenbahn mit Pferdebetrieb zum Transport für Ziegelerde einsetzen zu dürfen und schon 3 Jahre später bringt eine Dampf-Feldbahn, deren Schienen zum Teil noch heute benutzt werden, den Rohstoff zu den Brennöfen. Aber nicht allein die wirtschaftliche Struktur erfährt eine Umschichtung. Es regen sich auch seelisch-geistige, dem Idealen zugewandte Kräfte. Die Liederkompositiol1en von Silcher und Kreutzer finden auch in Brühl ihr Echo und führen 1859 also vor nahezu 100 Jahren, zur Gründung des Männergesangvereins Konkerdia. Im letzten Jahr des 19. Jahrhunderts‘ trat Brühl in Verhandlungen ein über das Legen von elektrischem Strom.

– Sinnvolles Zeichen der Zeitenwende –

(Geschafft, ich gratuliere und jetzt weiter zu den Landkarten )